EINE FRAU UND ZWEI NEUE LÄDEN SETZEN EINEN GEGENTREND IM ZENTRUM

image description

EINE FRAU UND ZWEI NEUE LÄDEN SETZEN EINEN GEGENTREND IM ZENTRUM

Das Wädenswiler Zentrum steht unter Druck. Es fehlt an Aufenthaltsqualität und das Angebot ist zunehmend austauschbar. Astrid Kistler setzt ein anderes Zeichen: Zusammen mit ihrem Mann Markus Egger eröffnete sie gleich zwei neue Standorte im Stadtzentrum. Es war ein Schritt, der Mut erforderte.

Anja Kutter

Durch den Umbau auf dem Gessner-Areal standen Astrid Kistler und Markus Egger letztes Jahr vor einer grundsätzlichen Entscheidung: während der Umbauzeit im Einkaufszentrum «di alt Fabrik» bleiben, ihr Geschäft «chic&shabby» aufgeben oder einen neuen Standort suchen. Sie entschieden sich fürs Weitergehen. Und zwar richtig. «Wir haben uns gesagt: Wenn wir schon zügeln, dann an zwei gute Standorte», erzählt Astrid Kistler.
Diese fanden sie im Zentrum von Wädenswil. Im November 2025 eröffneten sie an der Rosenbergstrasse den Concept Store «einzigg». Im Februar 2026 folgte ein zweiter Laden etwas weiter unten, am Eingang zur Türgass, wo früher Maya’s Fashion House beheimatet war. 

Ein Store zum Entdecken
Die beiden «einzigg»-Geschäfte sind keine gewöhnlichen Kleiderläden. Wer eintritt, findet Damen- und Herrenmode, Schuhe, Schmuck und Taschen. Dazu kommen Möbel, Teppiche aus PET-Flaschen, Wohnaccessoires und Geschenkartikel. Im kleinen Café am Standort Türgass kann man sich gemütlich hinsetzen und zum Beispiel einen «Brättli-Zmorge» geniessen.
Es ist ein Ort zum Stöbern, Verweilen und Entdecken. Genau das, was viele Menschen in Innenstädten heute vermissen.
«Wir sind ein richtiger Concept Store», sagt Astrid Kistler. Dreimal pro Woche werden neue Trends ins Sortiment aufgenommen.

Die Zugerstrasse führt mitten durch das Wädenswiler Zentrum. Für viele ist sie heute eher Durchgangsachse als Begegnungsort: Es fehlt an Aufenthaltsqualität, das Angebot ist wenig vielfältig.

Mit Leib und Seele dabei
Kistler ist überzeugt, dass es auch heute noch eine Nachfrage nach schönen Einkaufserlebnissen gibt. «Deshalb haben wir diesen Schritt gewagt – und betreiben diese Geschäfte mit Leib und Seele.» Gleichzeitig weiss sie, dass Detailhandel in der heutigen Zeit anspruchsvoll ist. Onlinehandel, verändertes Konsumverhalten, steigende Kosten und sinkende Laufkundschaft machen es kleinen Geschäften nicht leicht. Trotzdem glaubt sie an den Standort Wädenswil. Mut habe es aber schon gebraucht, die beiden Geschäfte zu eröffnen, gibt sie zu.
Heute arbeiten Astrid Kistler und Markus Egger mit drei Teilzeitangestellten. Sie selbst ist fast immer im Geschäft, ihr Mann kümmert sich vor allem um die Administration und springt bei Bedarf im Verkauf ein. Es ist viel Arbeit, viel Risiko und viel persönlicher Einsatz.

«Man muss das Zentrum beleben»
Für sie ist klar: Das Wädenswiler Zentrum funktioniert nicht von selbst. «Man muss es beleben, unbedingt. Sonst bleiben Wädenswil nur noch Barbershops und Nagelstudios.»
Diese Aussage trifft einen Nerv. Denn genau darüber wird in Wädenswil seit Jahren diskutiert. Viele Einwohnerinnen und Einwohner sowie Teile des Gewerbes beklagen, dass das Zentrum an Attraktivität verloren hat. Fachgeschäfte verschwinden, das Angebot wird zunehmend austauschbar, die Aufenthaltsqualität ist vielerorts bescheiden. Statt Läden mit Ausstrahlung prägen Barbershops, Mini-Markets oder Nagelstudios das Bild.

Die Stadt will anpacken
Auch der Stadtrat sieht Handlungsbedarf. Er hat deshalb kürzlich eine Strategie zur Aufwertung der Innenstadt verabschiedet. Grundlage dafür bildet eine umfassende Analyse des Zentrums. Darin wird festgehalten, dass in den letzten Jahren qualitativ wertvolle Geschäfte verloren gingen und die Vielfalt des Angebots gelitten hat. Gleichzeitig wird beschrieben, dass das Zentrum trotz vorhandener Stärken fragmentiert wirkt und vielerorts zu wenig Aufenthaltsqualität bietet.
Astrid Furrer, Stadträtin Planen und Bauen, kennt die Kritik. Deshalb habe sich der Stadtrat intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt: «Wir wollten kein Konzept erstellen, das danach in einer Schublade verschwindet», sagt sie. «Unser Ziel ist, dass im Zentrum Schritt für Schritt sichtbar etwas passiert.»
Der Stadtrat schlägt insgesamt 31 Massnahmen vor. Sie betreffen drei Bereiche: Aufenthaltsqualität und Städtebau, Verkehr und Parkierung sowie Zusammenarbeit und Dialog. Konkret sollen Plätze und Strassen aufgewertet, mehr Grün, Schatten und Sitzgelegenheiten geschaffen und die Orientierung im Zentrum verbessert werden. Im Fokus stehen unter anderem die Oberdorfstrasse, die Zugerstrasse, die Seestrasse, der Gerbeplatz und der Seeplatz.
Als eine der ersten Massnahmen soll die Oberdorfstrasse aufgewertet werden. Dort sollen mit vergleichsweise einfachen Eingriffen erste Verbesserungen sichtbar werden: mehr Begrünung, sickerungsfähige Beläge, Sitzgelegenheiten und eine Gestaltung, die weniger nach Durchgangsachse und mehr nach Aufenthaltsort wirkt. «Wir können nicht von heute auf morgen das ganze Zentrum umbauen», sagt Astrid Furrer. «Aber wir können dort beginnen, wo mit überschaubaren Massnahmen eine spürbare Wirkung möglich ist.»

Die Oberdorfstrasse präsentiert sich grau in grau – nicht nur bei Regen. Hier wollen Stadträtin Astrid Furrer (FDP) und der Gesamtstadtrat als Erstes anpacken: mit mehr Bänkli, Begrünung und sickerungsfähigen Belägen.

Nicht alles liegt in der Hand der Stadt
So wichtig diese Massnahmen sind: Die Stadt kann das Zentrum nicht allein retten. Sie besitzt nicht alle Liegenschaften und kann nicht bestimmen, welches Geschäft wo einzieht. Ob in einem Ladenlokal ein Fachgeschäft, ein Café, ein Barbershop oder ein weiterer Dienstleister eröffnet, entscheiden in erster Linie die Eigentümerinnen und Eigentümer.
Genau deshalb setzt die Strategie des Stadtrats auch auf Dialog. Er will den Austausch mit Liegenschaftsbesitzenden, Gewerbe, Gastronomie und weiteren Akteurinnen und Akteuren stärken. Im Bericht ist von einem moderierten Dialogprozess die Rede, von runden Tischen und von der möglichen Entwicklung einer Art City-Managements. Gemeint ist eine Stelle oder Person, die sich ums Zentrum kümmert, Akteure zusammenbringt, gemeinsame Projekte koordiniert und neue Impulse setzt. Zu diesem Thema wurde im Wädenswiler Parlament kürzlich auch ein Vorstoss der Mitte überwiesen. 

«Wir müssen an einen Tisch sitzen»
Astrid Furrer formuliert es so: «Wenn wir verstehen wollen, weshalb sich gewisse Angebote häufen und andere verschwinden, müssen wir mit den Eigentümerinnen und Eigentümern, dem Gewerbe und weiteren Beteiligten an einen Tisch sitzen.» Die Stadt könne Rahmenbedingungen schaffen, vermitteln und Entwicklungen anstossen. «Aber ein lebendiges Zentrum entsteht nur gemeinsam.»