In Samstagern hat die Keller Metallbau AG in den letzten Monaten einen Neubau erstellt, der als regionales Pionierobjekt für die Wiederverwendung von Bauteilen gilt. Türen, Fenster, Lampen – und sogar Pissoirs – stammen nicht aus dem Katalog, sondern aus Rückbauobjekten, wie den Shedhallen auf dem Tuwag-Areal in Wädenswil, die derzeit umgebaut werden. Mit der konsequenten Wiederverwendung gebrauchter Baumaterialien leisten alle Beteiligten echte Pionierarbeit.
Anja Kutter

Was vor zwei Jahren noch als mutiges Experiment galt, ist heute Realität: Der Neubau der Keller Metallbau AG im Industriegebiet Fälmis in Samstagern. Das Besondere daran: Er wurde mit Hunderten von Bauteilen aus den alten Shedhallen auf dem Tuwag-Areal in Wädenswil und anderen Abbruchobjekten realisiert.
Die rund 130 Jahre alten Shedhallen baut die Tuwag Immobilien AG zusammen mit dem Kanton Zürich derzeit für die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) um. Bis im Sommer 2026 entstehen dort neue Räume und Labore.
Statt die Bauteile einfach zu entsorgen, wurden sie sorgfältig rückgebaut, an verschiedenen Orten eingelagert – und schliesslich in Samstagern wiederverwendet. Unter anderem finden 190 Meter Kabelkanäle sowie Radiatoren, Türen, Treppen sowie Sanitärapparate wie WCs, Pissoirs und Waschbecken ein zweites Leben. 110 Fenster stammen aus Rückbauprojekten in Zürich.
«Das alles wäre entsorgt worden – und wir hätten es gleichzeitig für unseren Bau neu kaufen müssen», sagt David Keller, der die Keller Metallbau AG in vierter Generation führt. «Ich bin ehrlich: es hat etwas Mut gebraucht, dieses Projekt anzugehen. Aber heute sind wir glücklich, dass alles so gut funktioniert hat – und auch etwas stolz darauf, einen Beitrag geleistet zu haben. Nicht nur fürs Klima, sondern vor allem für ein Umdenken in der Branche.»

Ein Zeichen, dass es funktioniert
Initiiert wurde das Projekt von Elina Geibel und Sven Gerster vom Wädenswiler Architekturbüro Hotz Partner. Hotz Partner wagt den Schritt in die Richtung des zirkulären Bauens und begleitet sowohl den Neubau in Samstagern als auch den Umbau der Shedhallen in Wädenswil. Für das Team von Hotz Partner ist das Projekt ein Meilenstein:
«Es ist nicht einfach ein Bauvorhaben – es ist ein Zeichen, dass nachhaltiges Bauen funktioniert», sagt Elina Geibel. Dass im Bauwesen ein Umdenken nötig ist, steht für sie ausser Frage: Die Branche verursacht weltweit rund 40 Prozent der CO2-Emissionen und in der Schweiz rund 80 Prozent des Abfalls. «Diesen Irrsinn müssen und können wir gemeinsam bewältigen.»
Grundlage des Erfolgs sei das grosse Vertrauen zwischen Bauherrschaft, die Handwerkerinnen und Handwerkern sowie das Planungsteam, welches durch den Fachplaner «Zirkular» unterstützt wird. Dieser hat sich auf die Begleitung der Bauteilwiederverwendung spezialisiert. «Ohne Vertrauen wäre das nicht möglich gewesen», sagt Elina Geibel. «Wir mussten alle bereit sein, auch mal Fehler zu machen, um daraus lernen zu können.»
Dank sorgfältiger Planung liessen sich grössere Probleme vermeiden, und auch finanziell blieb das Projekt im Rahmen: «Wir sind nicht teurer gekommen, als wenn wir alles entsorgt bzw. neu gekauft hätten.»
Gewinn liesse sich mit alten Bauteilen allerdings auch nicht erzielen, stellt Elina Geibel klar. Die Tuwag Immobilien AG stellte das Material kostenlos zur Verfügung. Die Keller Metallbau AG übernahm ihrerseits sämtliche Kosten für Rückbau, Transport, Lagerung und Reinigung der Materialien. Zwei Mitarbeitende waren über Monate nur dafür im Einsatz. «So resultiert insgesamt eine schwarze Null.»

ARTE zeigt das Projekt in einem DOK-Film
Eine Schlüsselrolle spielte die Tuwag Immobilien AG als Eigentümerin der Shedhallen.
«Das war ein logistischer Kraftakt», sagt CEO Thomas Brassel. «Aber auch eine grosse Bereicherung. Unsere historischen Hallen erzählen nun eine neue Geschichte – und ihre Bauteile leben anderswo weiter. Damit haben wir bewiesen, dass es auch anders geht.»
Für alle Beteiligten ist klar: Dieses Projekt ist ein Erfolg. Und es sendet ein starkes Signal in die Region und darüber hinaus. Sogar international sorgt das Projekt für Aufmerksamkeit: Der deutsch-französische Kultursender ARTE ist darauf aufmerksam geworden und begleitete den Bau mit einem Filmteam. Die Dokumentation über zirkuläres Bauen stellt das Schweizer Projekt als eines der Beispiele mit Modellcharakter vor. Die Ausstrahlung ist für Frühjahr 2026 geplant.
Umzug ist vollbracht
Ende August ist der Neubau in Samstagern bezogen worden. Neben der Keller Metallbau AG hat auch die Wädi Bleche GmbH ein neues Zuhause gefunden. Für die Keller Metallbau AG ist es nicht nur ein Ortswechsel, sondern ein Neustart: In Richterswil, wo das Unternehmen fast 130 Jahre lang verwurzelt war, gab es keine Expansionsmöglichkeiten mehr. Der Neubau in Samstagern bietet nun Raum für die Zukunft – auf einem Fundament aus der Vergangenheit.
