WIE DIE WÄDENSWILER 1681 DEM LANDVOGT HULDIGTEN

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WIE DIE WÄDENSWILER 1681 DEM LANDVOGT HULDIGTEN

Von 1555 bis 1798 zog in meist sechsjährigem Turnus ein Stadtzürcher Ratsherr als Landvogt ins Schloss Wädenswil ein. Als eine der ersten Amtshandlungen nahm er den männlichen Untertanen der Herrschaft Wädenswil den Treue-Eid ab. Besonders gut dokumentiert ist die Huldigung von 1681.

Prof. Dr. h.c. Peter Ziegler

Ein besonderer Tag

Am frühen Morgen des 16. Februar 1681 sieht man die Bewohner der Herrschaft Wädenswil sauber gekleidet zur Kirche gehen. Heute haben sie dem neuen Landvogt, dem Junker Johann Jakob Schwerzenbach, den Treue-Eid zu schwören. Jetzt sitzen sie erwartungsvoll auf den harten Holzbänken in der Wädenswiler Pfarrkirche, die Männer in ihren groben Zwilchgewändern, die Frauen in weiten Röcken und Hauben. Junge und alte mögen wohl dasselbe denken: Wird der neue Landvogt den gestrengen Herrn spielen? Oder wird er ein wohlwollender Landesvater sein? Wie viel hängt von diesem Landvogt ab! Er ist Verwaltungs- und Gerichtsbeamter. Er zieht die Grundzinsen, Zehnten, Steuern, Fälle und Bussen ein. Er beruft die Maien- und Herbstgerichte ein und hat mit seinen Beamten nicht bloss über Frevel und Unfug zu richten, sondern auch über Erb und Eigen zu entscheiden und über Weg-, Strassen- und andere Streitigkeiten Recht zu sprechen: Jeder kann also gelegentlich mit dem Junker Landvogt zu tun bekommen. 

Pfarrer Jodokus Grob.

Der Landvogt kommt!

Während die Kirchenglocken vom Turme schallen und die Wädenswiler zum Kirchgang rufen, lässt der eine und andere nochmals die Ereignisse des gestrigen Tages an sich vorüberziehen. Wie viele Männer und Frauen hat auch er an der Haabe gestanden und auf den See hinausgeschaut. Drei Schiffe hat er dort gesehen, eines von Wädenswil, eines von Richterswil und eines von Uetikon. Wohl gerüstet sind sie der Au zugestrebt, den Landvogt dort zu grüssen, Aus den Schiffen hat man Salve geschossen. Und dann haben alle gerufen: «Der Landvogt kommt!» Von den Herrschaftsschiffen begleitet, ist der Nachen des Landvogts in die Haabe eingefahren. 

Die Huldigungspredigt

In diesem Augenblick öffnet sich die Kirchentüre. Der Landvogt tritt ein, gefolgt von Herren und Frauen, die ihm das Ehrengeleit geben. Auch der Seckelmeister und der Rechenschreiber gehen im feierlichen Zug. Beide sind schwarz gekleidet und tragen Stock und Degen bei sich. Würdig steigen die hohen Gäste die drei Stufen zum Chor hinauf und nehmen in den Stühlen an der Chorwand Platz. Während die Kirchenglocken ausschwingen, besteigt Pfarrer Jodokus Grob die Kanzel und beginnt seine Huldigungspredigt über die göttliche Gewalt der Obrigkeit: «Die Gewalt aber, die da ist, die ist von Gott verordnet» (Römer. 13. 1). «Die Obrigkeit hat grosse Gewalt», sagt er, «sie hat Gewalt über Stadt und Land. Sie hat Gewalt, ihrem Volk Vögte, Amtsleute und Richter vorzusetzen und Satzungen und Mandate vorzuschreiben.» Und weiter: «Die Obrigkeit darf von ihren Untertanen Zins, Zehnten und dergleichen einfordern, so viel, als zur Erhaltung von Stadt und Land notwendig ist.» «Von wem ist die Gewalt?», fragt der Redner. «Sie ist von Gott und nicht von den Menschen. Die Obrigkeit ist von Gott verordnet. Darum handelt ihr gegenüber wie Knechte Gottes. Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist!»

Dann ruft Jodokus Grob «die lieben Brüder und christlichen Zuhörer» auf, dem Junker Landvogt mit heiligem Eid Gehorsam, Treue und Untertänigkeit zu bezeugen. Der Pfarrer erinnert auch den Landvogt und die Beamten an ihre Pflichten und bittet: «Strecket aus als liebreiche Väter die Arme eures gnädigen, hochobrigkeitlichen Schutzes und Schirmes!» Dann schliesst er die Huldigungspredigt mit einem innigen Gebet.

Die alte, 1764 abgebrochene  Wädenswiler Kirche.
Zeichnung von Rudolf Diezinger 1833.

Der Treue-Eid

Die Predigt ist zu Ende. Jetzt erhebt sich Untervogt Hensler und ruft mit lauter Stimme: «Alle Männer, die auf der Empore Platz genommen haben, sollen sich ins Schiff hinunter begeben.» Mittlerweile haben sich auch der Landvogt, der Seckelmeister und der Rechenschreiber erhoben. Würdig tritt Landvogt Schwerzenbach an den Taufstein. Rechts von ihm steht der Seckelmeister, links der Rechenschreiber und hinter dem Taufstein haben sich der Untervogt und die Weibel der Herrschaft aufgestellt. Sie tragen alle die Amtstracht, einen Mantel in den Zürcher Ehrenfarben. Jetzt beginnt der Seckelmeister seine Ansprache an die Herrschaftsleute. Dann entblösst der Landvogt sein Haupt und spricht ebenfalls zu den Herrschaftsleuten. Jetzt fordert er junge und alte Männer auf, den Eid zu leisten, den der Rechenschreiber langsam und deutlich vorliest:

««Ihr sollt schwören, unsern Gnädigen Herren Bürgermeister und Räten der Stadt Zürich Treue und Wahrheit zu halten und ihnen und ihrem gegenwärtigen Vogt dienstbereit und gehorsam zu sein. Und wenn einer von euch etwas vernähme, das den Gnädigen Herren, ihrer Stadt oder ihrem Land Schaden oder Gebresten bringen könnte, soll er es dem Vogt vorbringen und ihn warnen und schützen, so gut er es vermag. 

Keiner soll den andern, er sei reich oder arm, vor ein fremdes Gericht ziehen, es sei geistlich oder weltlich. Und es soll auch keiner in den Krieg laufen, reiten oder gehen ohne die Erlaubnis, das Wissen und den Willen der Gnädigen Herren von Zürich.»

Hierauf müssen die Herrschaftsleute die Hand aufstrecken und dem neuen Landvogt Jakob Schwerzenbach nachsprechen: «Was mir vorgelesen, das will ich wahr und stät halten, demselben genug tun, getreulich. und ohne alle Gefahr (ohne böse Absicht) als ich bitte, dass mir Gott helfe.»

Nach dem Schwur begeben sich die drei hohen Herren wieder in ihre Stühle. Den Herrschaftsleuten wird jetzt eine Reihe von Mandaten vorgelesen. Sie handeln vom Schwören und Gottlästern, vom «Füllen» und Zutrinken, vom Spielen und Kleidertragen, vom Reislaufen und vom Besuch der Wirtshäuser, vom Bettel und vom Aberglauben. 

Regenten-Psalm

Zum Schluss der Feier singt die Gemeinde den Regenten-Psalm 101: «Von Gnade und Recht will ich singen; dir, o Herr, will ich spielen. In meinem Hause soll keiner wohnen, der Falschheit übt; der Lügen redet, kann nicht bestehen vor meinen Augen. Mit jedem Morgen vernichte ich die Frevler alle im Lande, rotte aus alle Übeltäter aus der Stadt des Herrn.»

Die Kirchenglocken läuten wieder; die Leute strömen aus dem Gotteshaus. Der Landvogt, der Pfarrer, die Beamten und Gäste begeben sich sogleich ins Schloss hinauf, wo ihrer eine üppige Mahlzeit harrt. Das gewöhnliche Volk aber geht wieder der Arbeit nach. Es hat vom eigenen Pfennig zu zehren.

Überarbeitete Fassung eines Artikels von 1958. Als Quellen dienten die gedruckte Huldigungspredigt von Pfarrer Jodokus Grob (Zentralbibliothek Zürich, MS S 344) und Aufzeichnungen von Landvogt Johannes Rahn von 1678 (Zentralbibliothek Zürich, MS G 22).

Landvogteischloss Wädenswil. Stich von Matthäus Merian, 1642.