SAGEN AUS DER HERRSCHAFT WÄDENSWIL

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WÄDI IM WANDEL

SAGEN AUS DER HERRSCHAFT WÄDENSWIL

Sagen sind mündlich überlieferte und dadurch dem Wandel unterworfene Erzählungen mit einem wahren Kern. Die ersten zwei aus Wädenswil lassen sich nicht genau datieren, die anderen zwei erinnern an die Zeit von 1798/99, als die Gemeinde von fremden Truppen besetzt war.

Prof. Dr. h.c. Peter Ziegler

Der Schatz auf Alt-Wädenswil
Um die Mitte des 16. Jahrhunderts wurde die Burg Wädenswil abgetragen. Nur ein einziger Turm trotzte noch lange dem Zahn der Zeit. In diesem Gemäuer büsste einst ein armer Holzhacker seine Lust nach Reichtum. In der Nähe des Turms arbeitend, hörte er darin ein Geräusch. Neugierig kletterte er hinauf, um durch eine Schiessscharte in den Raum sehen zu können. Zwei Zwerge in langen, grauen Gewändern, mit silberweissen, bis zum Gürtel reichenden Bärten schleppten silberne und goldene Gefässe, schimmernden Schmuck und seltene Münzen herbei. Sprachlos starrte der Mann in das Gefunkel. Dabei entdeckte ihn ein Rabe, der krächzte, worauf der Spuk verschwand. Während drei Tagen suchte der Bauer erfolglos wieder eine Spalte. Da versprach ihm ein fahrender Schüler, bei der Hebung des Schatzes behilflich zu sein. Er machte ihn auf eine kleine Pforte aufmerksam, die er bis jetzt nicht
entdeckt hatte, gab ihm eine Wünschelrute und wies ihn an, ohne umzublicken zu den Schätzen vorzudringen und dort dreimal wacker zuzugreifen, aber kein Wort zu sprechen. Auf den ersten Schlag mit der Rute sprang die Türe knarrend auf und der Holzhacker befand sich in einem geräumigen Gemach mit Schlangen, Ungeziefer und Fledermäusen, die ihm den Weg zu einer zweiten Türe versperren wollten. Mutig brach er sich Bahn. Nach einem weiteren Schlag öffnete sich auch diese Pforte. Hier war die Szene anders: Auf reichen Polstern lag eine Frauengestalt, die ihm einen Becher Wein anbot. Ohne
umzublicken schritt er am Weib vorbei auf eine Türe zu, die sich auf den dritten Schlag öffnete. In diesem Raum erblickte er mit Edelsteinen geschmückte Gefässe und Schmuck in geöffneten Truhen. Kisten voll Gold- und Silberstücken luden zum Zugreifen ein. Der Anblick der Reichtümer überwältigte den Glücklichen und er rief: «Herr Gott, wie viel !» Im selben Augenblick verschwand alles in der Finsternis. Eine heulende Windsbraut hob den Unseligen empor, und erst am späten Abend kehrten seine Sinne wieder. An Leib und Seele zerschlagen, fand er sich einsam in dem alten Gemäuer, für immer von der Begierde nach Reichtum geheilt. Nach dem Gedicht von Johann Martin Usteri, «Das alte Schloss Wädenschweil» in: «Dichtungen in Versen und Prosa», hg. von David Hess, Berlin 1831.

Die Sage vom Hüttnersee
Vor vielen hundert Jahren gab es noch keinen Hüttnersee. An seiner Stelle dehnte sich ein finsterer Tannenwald aus, durch den der Pilgerweg nach Einsiedeln führte. Mitten im Gehölz konnte man das Plätschern einer Quelle vernehmen, deren Wasser sich aus einem uralten Tüchel ergoss. Das war der Pilgerbrunnen. Gerne erlabten sich hier die Wallfahrer im kühlen Schatten nach ihrer langen Wanderung, bevor sie den letzten Anstieg gegen die Schindellegi hinauf unter die Füsse nahmen. Einst langte spät am Abend ein müder Pilger bei diesem Brunnen an. Er setzte sich neben der Quelle nieder, um etwas auszuruhen. Kaum hatte er sich auf dem weichen Moospolster des Waldbodens niedergelassen, tauchte plötzlich ein Greis mit langem, weissem Bart aus dem Waldesdunkel vor ihm auf. Auf seinem Rücken trug er ein Bündel Besen, die er aus den langen Halmen der Riedbesenstreu kunstvoll geknüpft hatte. Weil er seit Jahrzehnten alljährlich aus dem Hochtal von Einsiedeln mit seinen Besen ins Zürichbiet kam, war er dort jedermann unter dem Namen «Beselimaa» bekannt. Im Laufe des Gesprächs, das die beiden anknüpften, erkundigte sich der Besenmann nach den Reiseplänen des Pilgers. Dieser erklärte ihm, dass er noch heute bis nach Maria Einsiedeln weiterwandern werde, um am übernächsten Tage wieder auf demselben Weg zurückzukehren. Da lachte der Greis laut auf und sprach: «Ja, du hast gut sagen, wenn du übermorgen wieder auf diesem Weg zurückkehren willst, wirst du deinen Durst nicht mehr an diesem Brunnen stillen können. Frage mich aber nicht weiter, Gott sei mit dir, leb wohl.» Dann verschwand der Greis. Nachdenklich setzte der Pilger seinen Weg fort. Als der Wallfahrer am zweitfolgenden Tag wiederum auf demselben Weg zurückkehrte, da wartete seiner eine grosse Überraschung. An Stelle des Waldes, den er vorgestern noch durchschritten hatte, breitete sich eine dunkle Seefläche vor ihm aus. Das Gehölz samt dem Pilgerbrunnen war in die Tiefe versunken. Nur rings am Ufer sah er noch hie und da Wipfel und Äste halb ertrunkener Tannen aus dem Wasser ragen. Überliefert von Katharina Höhn Leuthold (1804–1905).

«De Tüütsch»
Zur Franzosenzeit stand links der Strasse, die nach dem «Waggital» führt, fast auf der «Aahöchi», eine kleine Weidscheune. Dorthin wurde ein österreichischer Husar geschickt, um für die Pferde seiner Truppe Heu zu stehlen. Der Knecht, welcher eben das Jungvieh fütterte, tat, als ob er das vom Husaren geforderte Heu hole und stieg, vom Husaren gefolgt, auf den Heuboden hinauf. Unter dem Heuloch drehte sich der Knecht blitzschnell um und stiess seinen Feind hinunter. Die Leiche warf er in den Jauchetrog und machte sich wieder an die Arbeit. Unterdessen war das aufgescheuchte Pferd des Fremden ins Lager zurückgekehrt, und zwei Husaren, Schlimmes ahnend, machten sich auf den Weg, den vermissten Kameraden zu suchen. Sie kamen auch an der Weidscheune vorbei, wurden aber hier von Meister und Knecht irregeführt. Unglücklicherweise guckte ein Soldat in den Jauchetrog und sah den Stiefel seines vermissten Kameraden aus der Jauche ragen. Die Österreicher wollten ihren Freund sofort rächen und griffen den Bauern und den Knecht an. Diese setzten sich jedoch zur Wehr und stachen die beiden Kriegsleute mit der Gabel tot. Dann begruben sie die Leichen in der Nähe. Da die Husaren schriftdeutsch redeten, nannte man jenes Stück Land, auf dem sie begraben liegen, «de Tüütsch». Erzählt von Albert Haab, Steinacher Wädenswil, Aufgezeichnet von Peter Ziegler.

Das Gefecht beim Sennhaus
Eine Anzahl Tiroler Schützen der österreichischen Armee verfolgte eine kleine Abteilung Franzosen, welche von der «Gisenrüti» her über den «Chotten» nach dem «Sennhaus» flüchteten und über den Sennhausrain zu entfliehen suchten. Beim «Sennhaus» versteckten sich die Franzosen hinter leeren, zum Verschwellen im Freien stehenden Fässern und versuchten, durch Schiessen die Tiroler von sich fern zu halten. Diese erwiderten jedoch das Feuer und trafen, als ausgezeichnete Schützen bekannt, alle Flüchtenden, so dass keiner mehr am Leben blieb. Die erschossenen Franzosen sollen in der Nähe des Gehöftes begraben liegen. Erzählt von Albert Haab, Steinacher Wädenswil, Aufgezeichnet von Peter Ziegler.


Prof. Dr. h.c. Peter Ziegler (1937) ist in Wädenswil
aufgewachsen und war viele Jahre lang Didaktiklehrer
für Geschichte an der Universität Zürich. Danach
leitete er den Th. Gut Verlag in Stäfa. Er hat diverse
Publikationen zur Orts- und Kulturgeschichte besonders
des Zürichseegebiets und des Kantons Zürich
veröffentlicht.